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Theologisches Forum > Glaubensformen junger Menschen (MM 10.6.05)
 


Sie glauben anders, aber sie glauben

Für viele Jugendliche hat die Kirche ausgedient - aber trotzdem suchen sie nach Spiritualität
Ende der 50er Jahre gingen Gelehrte von der Apokalypse der Religionen aus. Die Herrschaft des Himmels sei zu Ende, das Zeitalterdes Menschen, der sich selbst zu beherrschen weiß, hale begonnen. Besonders die Jugend wende sich vom Althergebrachten ab und leite durch ihr Verhalten den Anfang vom Ende alles Religiösen ein. Doch die Jugend hat die Schwarzseher eines Besseren belehrt - und glaubt noch nur anders als früher. „Die christlichen Religionen verlieren in breiter Frönt an Attraktivität", erklärt Heinz Streib, Professor für Religionspädagogik und Religionsforschung an der Universität Bielefeld. „Die Jugendlichen wandern aus der Institution Kirche aus. Sie sind unzufrieden mit den etablierten Religionen“. Was aber nicht bedeute, dass der Glaube keine Rolle mehr im Leben der Jugendlichen spielt.

Immerhin bezeichnen sich einer Shell-Jugend-Studie zufolge über die Hälfte der 14- bis 26-Jährigen als religiös. Allerdings ist ein Trend zur Individualisierung erkennbar. „ Dien Menschen orientieren sich neu, schauen sich auf dem Markt der Religionen um und basteln sich dann ihr eigenes Religionsgebäude"; erläutert Streib. Denn die Fragen der Jugend seien die gleichen geblieben: Wer bin ich? Wo gehe ich hin? Warum lebe ich? Die Suche nach Sinn und Orientierung im Leben hält an, nur die Lösungen werden jenseits alter Mauern gesucht. „Die Jugend glaubt definitiv noch“, ist sich auch Lukas Glocker, Dekanatsjugendseelsorger in Mannheim sicher, „aber nicht mehr so wie früher. Es ist nicht mehr ein Glaube im strengen Sinn. Vielmehr ist es die. Suche nach dem Sinn des Lebens."

Die Zahl der Jugendlichen mit religiöser Sozialisation nimmt immer mehr ab und ist nur noch an den Rändern der Gesellschaft zu finden. Gottesdienstbesuche, Beten und In-der-Bibel-Lesen sind seit Mitte der 80er Jahre deutlich zurückgegangen. So gaben in der Shell-Jugend-Studie nur 17 Prozent der befragten Jugendlichen an, Gottesdienste zu besuchen - die Kirchlichkeit ist zurück gegangen. „Die Jugend, fühlt sich in der Kirche einsam, ihr fehlt die Gemeinschaft", sucht Glocker Erklärungen für den Exodus. „Ich bin in früher nicht wegen der Messe in die Kirche gegangen, zumindest nicht nur. Ich wollte Freunde treffen und mit ihnen anschließend etwas unternehmen. Das sei heute nicht mehr so." Die Kirche habe als ein fester, integrativer Bestandteil im Leben der Kinder und jungen Erwachsenen ausgedient. Gleichzeitig gebe es eine intensive Suche nach Spiritualität und Orientierung. "Ich erlebe tagtäglich die Sehnsucht der Jugendlichen nach Fixpunkten im Leben", erklärt Glocker. Das hört sich nicht nach der Spaßgesellschaft an, mit der man gerne die Jugendlichen betitelt. ;,Werte wie Treue undZuverlässigkeit sind ihnen. heute besonders wichtig", sagt der Dekanatsjugenpfarrer.

Eine Ursache sieht er, in der Schnellebigkeit der Weit. Es gebe kaum etwas, das längere Zeit Bestand habe. Alles sei in einem ständigen Fluss. „Die Jugendlich sehnen sich nach einer Konstanz im Leben, etwas, woran sie sich orientieren können. Das kann zum Beispiel der Glaube sein." Doch das. Angebot im religiösen Supermarkt ist reichhaltig und der herkömmliche Glaube nur eine Ware unter vielen. Der Trend gehe hin zu einem temporären Glauben, den jeweiligen Befindlichkeiten angepasst. „Mich beruhigt, daß die Jugendlichen noch glauben, auch wenn sie heutzutage anders glauben", sagt Glocker. Er sieht es als eine Herausforderung der etablierten Religionen an, den Jugendlichen Orientierungshilfen zu bieten.
Von unserem Redaktionsmitglied Jürgen Flatken (Mannheimer Morgen 10.6.05)

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Eintrag vom: 12.10.2005


     
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