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Theologisches Forum > Eine neue Reformation? (Publik Forum 24.6.05)
 


Der US-amerikanische Theologe Matthew Fox proklamiert in Wittenberg 95 Thesen für eine Spiritualität des 21. Jahrhunderts. Gegen die »Kirche des strafenden Gottes«

Entschlossen wie kein zweiter unter heutigen Theologen, ruft der Anglikaner Matthew Fox zu einer Kirchenspaltung auf. Der in Kalifornien lehrende frühere Dominikaner hat eine klare Botschaft: »Wir werden heute tatsächlich mit zwei Kirchen konfrontiert: Die eine betet einen strafenden Vater an und ist gekennzeichnet durch eine streng hierarchische Struktur. Sie unterdrückt alles Weibliche, dämonisiert die Erde, die Wissenschaft und die Homosexuellen. Sie will interne Meinungsverschiedenheiten ausmerzen. Sie baut auf Angst und unterstützt die Imperialisten. Das andere Christentum anerkennt den ursprünglichen Segen, von dem alle Wesen stammen. Es zieht Vertrauen der Angst vor und versteht die Gottheit als die Quelle aller Dinge, die ebenso Mutter wie Vater ist, ebenso männlich wie weiblich.« Dies bekundete Fox kürzlich bei einem Vortrag als Gast des Förderkreises für Ganzheitsmedizin in Bad Herrenalb. Und er fügte in aller Deutlichkeit hinzu: »Es wird Zeit, diese beiden Versionen des Christentums zu trennen. Die Spaltung zwischen beiden Christenheiten schwindet nicht, sie heizt sich vielmehr ständig weiter auf. Zu viel Energie ist schon aufgewendet worden, um Strukturen zu reformieren oder sich ihnen anzupassen. Deshalb: Lasst die Museumskirche die Museumskirche sein, lasst sie einfach rechts liegen, und lasst die Spiritualität die Religion ersetzen.«

Rauswurf aus Dominikaner-Orden
Das sind starke Worte. Sie kommen von einem Theologen, um den es lange Jahre ruhig gewesen ist. Der Autor des »Großen Segens«, des auch in Deutschland viel gelesenen Buches von 1991, hat sich nach langem öffentlichen Streit mit Rom der Gründung einer interreligiösen Universität in Oakland, Kalifornien gewidmet (www.WisdomUniversity.org). Über 30 Jahre lang war er zuvor Dominikaner-Pater gewesen. Dann wurde er auf Betreiben des vatikanischen Religionswächters Kardinal Joseph Ratzinger 1993 aus dem Orden ausgeschlossen. Begründung: Er betreibe »feministische Theologie« und habe ein »mangelndes Bewusstsein von der Ursprungssünde«. Fox wurde Mitglied der anglikanischen Kirche und lehrt seither in Oakland. Der Theologe, der in Paris promovierte und auch in Münster bei Johann Baptist Metz studierte, hat mehrere Bücher über Meister Eckhart geschrieben. Er will dazu beitragen, dass dem Westen seine eigenen mystischen Traditionen neu bewusst werden: Mechthild von Magdeburg, Hildegard von Bingen, Meister Eckhart, Angelus Silesius und andere. Er verbindet dies mit Einsichten zeitgenössischer Naturwissenschaftler wie Rupert Sheldrake und transpersonaler Psychologen wie Stanislav Grof. Er hat eine Erneuerung der liturgischen Form als »Kosmische Messe« geschaffen, die Tanz, Techno und moderne Kunstformen mit der westlichen Liturgie vereint.

Ein Thesenanschlag in Wittenberg
Jetzt hat sich Fox im Land seines großen »Lebemeisters«, des Dominikaner-Mystikers Eckhart, zurückgemeldet. Und das mit einer Symbolhandlung, die so amerikanisch-unbekümmert wie geistvoll zugleich ist: Fox verkündete in der Stadt der Reformation, in Wittenberg, 95 Glaubensthesen »für eine neue Reformation«. Dies tat er vor dem Kirchentor, an das Martin Luther 1517 seine berühmten 95 Thesen annagelte. Thesen, die letztlich zur Kirchenspaltung führten.

Das vergleichbare Moment dabei sind für Fox gewiss nicht die Thesen selbst. Martin Luther würde sich wohl bei der Lektüre so mancher von ihnen im Grab umdrehen. Er lebte aber auch 500 Jahre vor unserer Zeit. Vergleichbar im Verständnis von Matthew Fox ist vor allem die kirchliche Situation von 1517 mit der von heute: Trotz der Medien, die »einen quotensteigernden Personenkult um die päpstlichen Gestalten aufbauen«, habe inzwischen der römische Katholizismus einen Tiefpunkt erreicht, wie er nur mit jenem zur Zeit Luthers vergleichbar sei, sagte Fox in seinem Vortrag. Einer der Beweise dafür sei die Pädophilie weiter Teile des Klerus, die von der Hierarchie vertuscht werde. Vor allem aber werde die katholische Kirche fast nur noch durch Gehorsamseide, Angst und Gesinnungsdiktatur zusammengehalten. Gleichzeitig habe Kardinal Ratzinger »prophetische Priester und Theologen gemaßregelt und verjagt, die Führer der Befreiungstheologie der Armen und Unterdrückten waren, seien es Frauen, Bauern, Verteidiger der Regenwälder oder Verfechter der Demokratie in Lateinamerika«.

Fox wörtlich: »Wir befinden uns in einer historischen Situation, die ebenso entscheidend ist wie die von Luther eingeleitete, der auf die Korruption und die theologische Faulheit des 16. Jahrhunderts reagierte.« In den Kirchen drehe sich fast alles nur um die Absicherung einer Glaubenspraxis des strafenden Gottes. Ihren eigentlichen Aufgaben in der globalisierten Welt sei die Kirche nicht mehr gewachsen. Die Religion sei auf falsche Art mächtig und an den wichtigen Stellen machtlos: »Die ökologische Krise, die Armutskrise inmitten des Überflusses, die Krise der Jugend, die religiöse Krise, die Bildungskrise und die weltweite Verbreitung einer fundamentalistischen und strafenden Vaterreligion bedürfen heute eines spirituellen Erwachens von gleichem Ausmaß wie in der lutherischen Reformation.«

»Deshalb«, so Fox bei seiner Symbolhandlung in Wittenberg, »stelle ich wie Luther 95 Thesen vor, oder in meinem Fall: 95 Glaubensfeststellungen, die aus den 64 Jahren meines Lebens und meiner religiösen wie spirituellen Praxis stammen. Ich bin sicher, dass ich mit der Erkenntnis dieser Wahrheiten nicht allein dastehe. Für mich stellen sie eine Rückkehr zu unseren Ursprüngen dar, zum Geist und zur Lehre Jesu.«

Inspirierende Sätze
Lässt man die 95 Thesen des Matthew Fox auf sich wirken, komplett einsehbar in www.publik-forum.de, so kann die Form ganz schön verwirren. Die inhaltliche Strukturierung ist in dieser bewusst gewählten mittelalterlichen Disputationsform nicht leicht zu erkennen. Die fernöstliche Lehre von den »Chakren«, den Energie-Knotenpunkten des Körpers, wird einfach als bekannt vorausgesetzt (These 42). Manchmal hat man den Eindruck, dass es halt mit aller Gewalt exakt 95 Thesen sein müssen. Dennoch: In vielen der »Glaubensfeststellungen« steckt eine spirituelle und gesellschaftspolitische Sprengkraft, die inspirieren und beglücken kann, über die man zumindest gut nachdenken kann. Nehmen wir die Schwerpunkte – Glaube, Kirche und Gesellschaft und kommentieren sie mit einigen Zitaten aus dem Vortrag von Bad Herrenalb:

Es ist schon oft beobachtet worden, dass mystisch grundierter Glaube einen matriarchalischen Hintergrund hat. Fox: »In unserer Zeit ist Gott mehr Mutter als Vater, denn das Weibliche fehlt am meisten« (These 2). Die Religion des »strafenden Vaters« speist sich nach Fox aus verschiedenen Quellen: »Sie stammt aus einer Angst vor dem Chaos, aus einer Angst vor dem Weiblichen und aus einer Angst vor dem Vertrauen. Sie stammt von einer Verletzung durch den strafenden Vater. Alle Fundamentalisten sind vom Vater verletzt. Unsere Kultur und nicht nur unsere privaten Erfahrungen fügen uns Vater-Wunden zu.« Deswegen widerspricht für Fox »die Vorstellung eines strafenden, männlichen Gottes dem umfassenden Wesen der Gottheit, die ebenso weiblich und mütterlich ist wie männlich und väterlich« (These 4). Mit ihrem »Großen Segen« umfasse die Gottheit Menschen aller Religionen (Thesen 54/55).

Es scheint, als nehme Fox damit unausgesprochen das zentrale theologische Motiv Martin Luthers auf: Der Mensch ist bei Gott bejaht, geliebt und mit Gnade gesegnet, ohne alles eigene Zutun. Nur hatte Luther dieses begnadete »Gerechtfertigtsein« männlich hart an die »strafende Lehre« vom Sühnetod Jesu gebunden. Der mystische Große Segen ist dagegen »Rechtfertigung des Menschen« abzüglich der männlich-aggressiven Kreuzestheologie. Diese hat aber nach Erkenntnissen der historischen Bibelkritik zumindest am Selbstverständnis Jesu auch keinen erkennbaren Anhalt. Das kann man nicht oft genug betonen. Jesus ist gewiss für seine Botschaft gekreuzigt worden. Aber die lautet ebenso gewiss nicht: »Ich werde am Kreuz sterben, und ihr seid dann erlöst.« »Das hat Jesus nirgends gesagt«, unterstreicht nicht nur der amerikanische Benediktiner David Steindl-Rast. Und das Böse? Fox: »Es kann durch jede Nation, jedes Volk und jedes Individuum geschehen. Deshalb sind Wachsamkeit, Selbstkritik und institutionelle Kritik stets gefragt« (These 66).

Schelte auf die Kirche
An den Amtskirchen lässt Fox kein gutes Haar: »Eine Kirche von von Kriechern – ein unterwürfiger Klerus, unterwürfige Seminaristen, unterwürfige Bischöfe, unterwürfige Kardinäle, dazu eine unterwürfige Presse – vertritt in keiner Weise die Lehren oder die Person des historischen Jesus, der sich gegen die Macht aufgelehnt hat« (These 30). Loyalität und Gehorsam sind für Fox »keine größeren Tugenden als Gewissen und Gerechtigkeit« (These 69).

Sicherlich tut der seelisch tief verletzte Ex-Dominikaner mit dieser Schelte vielen Kirchenmännern Unrecht. Man spürt die Wut auf eine Kirche, die sich in seinen Augen »mehr mit sexuellem Fehlverhalten beschäftigt als mit der Ungerechtigkeit« (These 71). Fox nennt dies die globale »Unwirksamkeit der abendländischen Religion«. Und dabei kriegt auch die evangelische Kirche ihr Fett ab: »Die Ära des Protestantismus ist vorüber. Der Protestantismus befindet sich in einem äußerst ermüdeten Zustand mit überwiegend leeren Kirchen in den nördlichen Ländern und wenig verbliebener Energie.«

Politik ohne Spiritualität?
Mit Blick auf die Gesellschaft hält der Mönch gebliebene Fox den Konsumismus für »die zeitgenössische Variante der Genusssucht« (These 76). Der Geist Jesu und anderer Propheten berufe alle zu einem einfachen Lebensstil. (These 35). Der Konsumismus müsse dadurch in Frage gestellt werden, »dass ein Wirtschaftssystem aufgebaut wird, das allen Völkern und allen Wesen der Erde dient« (These 76). In seinem Buch »Revolution der Arbeit« (Kösel, 2002) hat Fox dies näher ausgeführt. Zentrale Stichworte darin sind Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. In dem Vortrag von Bad Herrenalb sagte er dazu: »Denn was gerecht ist, ist nachhaltig – es hält. Was ungerecht ist, zerfällt, erzeugt Krieg, schafft Ressentiments und nährt die Gewalt. Die Imperien legitimieren gern die Gewalt im Namen der Religion. Aber eine neue Reformation wird die Weisheit anerkennen, die von allen spirituellen Traditionen der Welt ausgeht, und in echter Bescheidenheit wissen, dass keine Kultur und kein Weg den einzigen Pfad zur Quelle bilden können. Glaubensübergreifende Begegnung und Tiefenökonomie werden unabdingbar notwendige Bestandteile einer Spiritualität des 21. Jahrhunderts sein.«

Mit einem Wort des Polit-Sängers Konstantin Wecker: »Wir werden keine menschenwürdige Politik machen können, wenn sie nicht von einer starken Spiritualität durchtränkt ist.«
Peter Rosien

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Eintrag vom: 12.10.2005


     
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